Neugier erwünscht

  • Wer schreibt hier eigentlich? Teil 2Quelle: Bild aus Hinterland-Magazin #44 Winter 2019/2020

    Wer schreibt hier eigentlich? Teil 2

    Nicht meine Blindheit ist es, die mich stresst

    Sie war immer schon da, sie gehört seit 50 Jahren zu mir und hat mich natürlich mit geprägt.
    Es ist unbestreitbar, dass sich Blindheit auf alle Lebensbereiche auswirkt.

    Vieles, was für sehende Personen selbstverständlich ist, muss sich ein blinder Mensch organisieren oder erkämpfen.
    Hier und heute geht es allerdings nicht darum, wie ich Onlinebanking mache oder wie eine Küchenmaschine barrierefrei benutzbar wird. Hier und heute geht es mir um die persönlichen Begegnungen, das menschliche Miteinander. Und da habe ich oft Dinge auszuhalten, die mich deutlich mehr stressen als die Tatsache, dass ich nichts sehe.

    Schon mehrfach gerieten etwa Mitarbeitende von Hotels an der Rezeption buchstäblich ins Stottern, weil ich als blinde Dolmetscherin vor ihnen stand, um Fragen für meine brasilianischen Kunden zu klären. Mal ehrlich – hätten sie im Flugzeug festgestellt, dass ich ihre Pilotin bin, wäre eine solche Reaktion mir durchaus einleuchtend erschienen, aber ich stand vor ihnen und sprach sie auf alltägliche Angelegenheiten im Hotel an.

    Es kostet immer wieder Energie, solche Situationen zu parieren. Und es gibt auch Tage, da würde ich gern zu einer Veranstaltung gehen und lasse es lieber. Da ist mir das Risiko zu groß, dass mich jemand fürs Treppensteigen bestaunt, dass um mich her ungezwungene Gespräche entstehen und ich gezielt übersehen werde, oder dass mein Mann gefragt wird: Was möchte sie denn trinken?

    Schrammen für das Selbstwertgefühl

    Wie lange würdet ihr bei einem solchen Umgang strahlend durch die Weltgeschichte touren?
    Man weiß heute so viel über Motivation, Anreize und die Wirkung von Anerkennung und Respekt auf das Selbstwertgefühl. Ja glaubt denn irgendjemand, das sei bei blinden Menschen anders? Und genau so wirken Ausgrenzung und Nichtbeachtung umgekehrt ziemlich niederschmetternd. Auch ich habe mir im Laufe der Zeit kleinere und größere Schrammen geholt. Die Frau im Flugzeug, die sich über den Wohltäter freut, der mich geheiratet hat, wertet damit nicht nur meine Ehe ab. Sie maßt sich auch ganz selbstverständlich an zu wissen, dass ich jemanden brauche, der alles für mich macht. Weder das eine noch das andere steht ihr zu. Dennoch gehört sie sicher nicht zu einer kleinen Minderheit.

    Und dann ist da der Mann im Zug, für den eine Frau mit Blindenführhund und Laptop nur als Beitrag für die Sendung „Verstehen Sie Spaß“ einen Sinn ergibt. Was er sich nicht vorstellen kann, kann es nicht geben, obwohl er es vor sich sieht. Was nützt es da, sehen zu können?

    Und schließlich Nummer drei, der Mann auf dem Bahnsteig – wie so etwas zustande kommt, verstehe ich offen gesagt bis heute nicht. Vielleicht tue ich ihm aber auch Unrecht, und er verhält sich einfach allen Menschen gegenüber gleichermaßen unhöflich und indiskret. Ich bringe hier drei Beispiele von vielen. So etwas kann jeden Tag passieren, beim Einkaufen, auf dem Weg zur Arbeit oder im Restaurant. Und das war für mich über lange Zeit deutlich stressiger als meine Blindheit als solche. Mittlerweile bin ich gelassener geworden, nehme diese Vorfälle seltener persönlich und habe öfter bessere Antworten parat. Und meinem persönlichen Eindruck nach gibt es inzwischen auch mehr Menschen, mit denen eine normale Unterhaltung funktioniert.

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  • Wer schreibt hier eigentlich? Teil 1Quelle: Bild aus Hinterland-Magazin #44 Winter 2019/2020

    Wer schreibt hier eigentlich? Teil 1

    Wer schreibt hier eigentlich?

    Dieser Artikel ist zwar schon vor fast sechs Jahren im Hinterland-Magazin erschienen, doch zeigt er heute noch genauso treffend, wie ich gestrickt bin und welche Art von Neugier bei mir höchst erwünscht ist.

    Los geht’s mit Teil 1.

    Die vielfältigen Klänge verschiedener Sprachen können mich verzaubern wie andere Menschen die Farbenpracht. Ich liebe Hunde, Vögel, Brasilien und die Musik von Queen. Im Alltag schätze ich Humor, den Wald, Abwechslung bei der Arbeit und auf dem Teller. Begegnungen mit unterschiedlichsten menschen gestalten mein Leben bunt.
    Ach ja, und ich bin seit meiner Geburt blind.

    Ein Kleines Experiment

    Bei vielen realen Begegnungen komme ich gar nicht erst dazu, etwas von mir zu erzählen. Da sehen die Menschen nur meine Blindheit und konzentrieren sich ganz auf sie. Deshalb lade ich euch jetzt zu einem Experiment ein.

    Stellt euch vor, ihr lest diesen Text. Ihr wisst, die Autorin ist blind, und ihre Blindheit ist auch das Thema.
    Und jetzt stellt euch aber im nächsten Schritt vor, ihr geht ganz locker flockig an das Thema ran, mit Tee und Keksen auf dem Sofa.
    wie ihr das schaffen könnt? Nun, erst einmal den richtigen Tee oder auch Kaffee zubereiten, und Kekse habt ihr vielleicht selbst gebacken. Ich jedenfalls schon.

    Das war der leichte Teil. Jetzt müsst ihr wahrscheinlich versuchen, die geläufigen Gespenster zu verscheuchen. Lasst also Gedanken von der Sorte „wie schrecklich“, „da könnte ich ja gar nichts mehr“, „die Arme“ und co. in irgendeiner Ecke liegen, falls sie euch wie von selbst in diese Lektüre begleiten wollen.

    Solange nämlich diese ungebetenen Gäste ständig mit von der Partie sind, könnt ihr mich nicht kennenlernen. Da habe ich kaum eine Chance. Die Gespenster mischen sich in jedes erdenkliche Thema ein. Erzähle ich von meiner Liebe zu Brasilien und meinen zahlreichen Reisen, wissen die Gespenster schon, dass das aber doch gar nicht geht, oder dass ich als Blinde doch gar nichts davon habe.

    Geht es um etwas so alltägliches wie Plätzchenbacken, stellen sie gleich mal klar, dass auch das blind nicht klappen kann. Und falls es irgendwie doch möglich ist, müsst ihr es mit einer Art Übermensch zu tun haben. Und den sollt ihr dann bitte bewundern, sagen die Gespenster.
    Nehmen wir also an, diese und ähnliche Gedanken habt ihr erfolgreich weggeschlossen. Vielleicht haben sie sogar einer gesunden Neugier Platz gemacht. Dann könnt ihr mich jetzt ein Stück durch die Welt begleiten und dabei ganz locker kennenlernen.

    Flüchtige Begegnungen

    Zwei Frauen im Flugzeug, ein Gespräch, das sich tagtäglich so oder ähnlich abspielt: Mein Mann holt mich vom Flughafen ab – werden sie auch erwartet? Ja, mein Mann wird auch da sein. Kurze Pause. Ich fühle schon die Faust, die sich in meinem Bauch zusammenballt, denn ich ahne, was gleich kommt. Und richtig: Kann Ihr Mann sehen?
    Bis eben saßen da noch einfach zwei Frauen, die von einer Reise zurückkehrten und freudig vom bevorstehenden Wiedersehen mit ihren Männern sprachen.

    Auf meine Frage, warum sie das wissen wolle, kommt die Antwort wie aus dem Skript, das ich nach ähnlichen Situationen auswendig kenne: Sie dachte, es wäre doch schön, denn dann hätte ich jemanden, der alles für mich macht.

    Ein anderes Mal sitze ich im vollen Zug und arbeite an einer Übersetzung. Mein Führhund hat es sich neben mir bequem gemacht. Neue Fahrgäste steigen zu, der Gang vor meinem Abteil füllt sich. Da plötzlich ein empörter Ausruf: Ja klar, Blindenhund und Laptop! Wen will die denn verarschen?
    Oder etwa die Episode, als mich am Bahnsteig aus dem Nichts ein Mann fragt: Waren sie schon von Anfang an so? An dem Tag war ich bester Laune und schaffte es ihm zu antworten: Nein, und glauben Sie mir, meine Mutter ist sehr froh darüber, dass ich erst im nachhinein so groß wurde.

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  • Wenn wir die Fehler nicht hätten!

    Die Morgenrunde mit dem Hund, zur Bank, zum Bäcker, schnell in die Apotheke, und ab an den Schreibtisch.
    Ich habe keine besondere Laune. Das Wetter ist kein besonderes Wetter. Mein Hund trabt so vor sich hin, stellt nichts an, wir treffen niemanden.
    Schon als ich die Bankfiliale betrete – ja, so was gibt es in meinem Stadtteil noch – ruft mir die Dame hinter dem Schalter freundlich zu: Sie können gleich nach vorne kommen.
    Also laufe ich auf ihre Stimme zu, lasse den Hund neben mir absitzen und lege los.
    „Ich habe ja neulich alle meine Kontos aufgelöst“, höre ich mich sagen und halte erschrocken die Luft an.
    Bitte was? Kontos? Oh Gott. Kam das gerade wirklich aus meinem Mund? „Oh nein, Kontos“, sage ich laut. „Kein Problem“, sagt mein Gegenüber höflich und fügt in professionell neutralem Ton hinzu: „Sie haben Ihre Konten aufgelöst.“
    Aber da schüttelt es mich schon vor Lachen. Prustend bringe ich hervor, ich hätte noch keinen Tee gehabt, und „contos“ seien Geschichten oder Erzählungen auf Portugiesisch, aber eben mit c geschrieben, und die hätten hier bei der Bank nichts zu suchen.
    Die Bankangestellte lacht jetzt auch, alles hellt sich auf. Mit einem Mal kann ich sie mir in einem Park oder in einem Straßencafé vorstellen, warmherzig und gelöst, fernab von Bankverbindungen und Kontoauszügen. Der Rest unseres Gesprächs verläuft denn auch viel lockerer. Beim Hinausgehen, drüben in der Apotheke und auch in der Bäckerei treffe ich nur noch ganz besonders gut gelaunte Leute. Dank meiner aufgelösten Kontos trage ich schließlich diese fröhliche Leichtigkeit nach Hause und stecke meinen Lebensgefährten auch noch an.

    Ich hatte die Wahl. Ebenso gut hätte ich vor dem Schalter eine Falltür herbeiwünschen und mich martern können: Du arbeitest dein Leben lang mit Sprachen. Du willst ein Profi sein? Als Dolmetscherin darf dir doch so was nicht passieren. Was für eine Laune hätte ich dann wohl in die Welt getragen.