Nicht meine Blindheit ist es, die mich stresst
Sie war immer schon da, sie gehört seit 50 Jahren zu mir und hat mich natürlich mit geprägt.
Es ist unbestreitbar, dass sich Blindheit auf alle Lebensbereiche auswirkt.
Vieles, was für sehende Personen selbstverständlich ist, muss sich ein blinder Mensch organisieren oder erkämpfen.
Hier und heute geht es allerdings nicht darum, wie ich Onlinebanking mache oder wie eine Küchenmaschine barrierefrei benutzbar wird. Hier und heute geht es mir um die persönlichen Begegnungen, das menschliche Miteinander. Und da habe ich oft Dinge auszuhalten, die mich deutlich mehr stressen als die Tatsache, dass ich nichts sehe.
Schon mehrfach gerieten etwa Mitarbeitende von Hotels an der Rezeption buchstäblich ins Stottern, weil ich als blinde Dolmetscherin vor ihnen stand, um Fragen für meine brasilianischen Kunden zu klären. Mal ehrlich – hätten sie im Flugzeug festgestellt, dass ich ihre Pilotin bin, wäre eine solche Reaktion mir durchaus einleuchtend erschienen, aber ich stand vor ihnen und sprach sie auf alltägliche Angelegenheiten im Hotel an.
Es kostet immer wieder Energie, solche Situationen zu parieren. Und es gibt auch Tage, da würde ich gern zu einer Veranstaltung gehen und lasse es lieber. Da ist mir das Risiko zu groß, dass mich jemand fürs Treppensteigen bestaunt, dass um mich her ungezwungene Gespräche entstehen und ich gezielt übersehen werde, oder dass mein Mann gefragt wird: Was möchte sie denn trinken?
Schrammen für das Selbstwertgefühl
Wie lange würdet ihr bei einem solchen Umgang strahlend durch die Weltgeschichte touren?
Man weiß heute so viel über Motivation, Anreize und die Wirkung von Anerkennung und Respekt auf das Selbstwertgefühl. Ja glaubt denn irgendjemand, das sei bei blinden Menschen anders? Und genau so wirken Ausgrenzung und Nichtbeachtung umgekehrt ziemlich niederschmetternd. Auch ich habe mir im Laufe der Zeit kleinere und größere Schrammen geholt. Die Frau im Flugzeug, die sich über den Wohltäter freut, der mich geheiratet hat, wertet damit nicht nur meine Ehe ab. Sie maßt sich auch ganz selbstverständlich an zu wissen, dass ich jemanden brauche, der alles für mich macht. Weder das eine noch das andere steht ihr zu. Dennoch gehört sie sicher nicht zu einer kleinen Minderheit.
Und dann ist da der Mann im Zug, für den eine Frau mit Blindenführhund und Laptop nur als Beitrag für die Sendung „Verstehen Sie Spaß“ einen Sinn ergibt. Was er sich nicht vorstellen kann, kann es nicht geben, obwohl er es vor sich sieht. Was nützt es da, sehen zu können?
Und schließlich Nummer drei, der Mann auf dem Bahnsteig – wie so etwas zustande kommt, verstehe ich offen gesagt bis heute nicht. Vielleicht tue ich ihm aber auch Unrecht, und er verhält sich einfach allen Menschen gegenüber gleichermaßen unhöflich und indiskret. Ich bringe hier drei Beispiele von vielen. So etwas kann jeden Tag passieren, beim Einkaufen, auf dem Weg zur Arbeit oder im Restaurant. Und das war für mich über lange Zeit deutlich stressiger als meine Blindheit als solche. Mittlerweile bin ich gelassener geworden, nehme diese Vorfälle seltener persönlich und habe öfter bessere Antworten parat. Und meinem persönlichen Eindruck nach gibt es inzwischen auch mehr Menschen, mit denen eine normale Unterhaltung funktioniert.
Bildquellen
- Mirien im Hinterland-Magazin: Bild aus Hinterland-Magazin #44 Winter 2019/2020


