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Es gibt ein Schreiben nach „Schnupperturms Streifzüge“!
Die Anzeichen verdichten sich, dass ich nach dem ersten Buch mit noch mehr Schwung weiterschreiben möchte.
Um Stoff für immer neue Figuren und Handlungen zu finden, ist es von Vorteil, mit ganz unterschiedlichen Personen und Gruppen Kontakt zu pflegen. Da fallen mir so manches Mal spannende Parallelen auf. Und von einer muss ich heute unbedingt sprechen. Neugier – ihr wisst es inzwischen – ist nicht nur meine eigene Triebfeder – ich preise ihre Bedeutung auch bei jeder Gelegenheit an. Manchmal hilft es, scheinbar völlig banale Sätze zu sagen. Hier ist einer: Alles, was du anderen nicht erzählst, erfahren sie nicht von dir.
In einer Tanzpause an einem lateinamierikanischen Abend sitze ich an einem langen Tisch und lausche um mich. In das Gespräch neben mir einklinken, geht gerade nicht. Zu vertieft sind zwei Personen in ihre sehr persönliche Unterhaltung. Um Blicke geht es, die einen treffen, wenn man ein Geschäft betritt, in die Mensa geht, oder einfach auf dem Bürgersteig unterwegs ist. Die andere Person spricht von einem Spielplatz, auf dem sie mit ihrer Tochter nie wirklich dazugehört. Die beiden senden auf einer Wellenlänge, genießen es, endlich einmal sofort verstanden zu werden. Im Brustton der Überzeugung schließen sie mit dem Satz: „Weiße Menschen können das niemals verstehen.“
Bleiben wir noch ein wenig auf kleinen lateinamerikanischen Inseln mitten in Deutschland. Ein anderes Fest, es wird brasilianisch getrommelt und peruanisch gegessen. Es ist Herbst, die dunkle Jahreszeit kündigt sich mit herabfallenden Blättern und ersten windigen Tagen an. Wieder bin ich Zeugin eines intensiven Zwiegesprächs. Obwohl man schon lange in Deutschland lebt, ist es nicht nur im Spätherbst und im Winter kalt bis eisig. Auch in vielen zwischenmenschlichen Begegnungen frieren diese beiden redseligen Personen aus Brasilien und Mexiko. Immer sagen die Deutschen nur das Nötigste, wenn man in ihren Geschäften einkauft. Egal, wen man trifft, die Leute kommen immer gleich zur Sache, es gibt kein Drumherum, kein Lachen, kein einfach-nur-so. Alles, was man redet, muss einen Zweck erfüllen. Da fehlt ganz viel. Man geht doch auf Leute zu, um ein bisschen zu plaudern. Auch in Geschäfte geht man rein, weil man locker Kontakt aufnehmen will. Und irgendwann kauft man dann auch etwas. Und erneut schließt das Gespräch mit einem beinahe synchron gesprochenen Satz: „Deutsche Menschen können das absolut nicht nachvollziehen.“
Ein anderer Abend. Heute bin ich Teil einer fröhlichen Runde, die gemeinsam isst und trinkt und Erfahrungen austauscht. Hier bin ich besonders gelöst, fühle mich als eine von vielen. „Nicht schön, wenn sich alle um dich herum unterhalten und du fühlst dich als einzige komplett übersehen“, sagt jemand. „Oder du bist im Supermarkt und findest einfach niemanden, der dir weiterhilft“, meldet sich eine andere Person zu Wort. Und eine Dritte: „Ich traue mich ehrlich gesagt nicht, auf eine größere Party zu gehen, wo ich kaum jemanden kenne, weil ich da dann wahrscheinlich nur allein herumsitze.“ Alle sind sich einig darin: „Sehende Menschen können sich in solche Situationen garantiert nicht hineinversetzen.“
Keine Frage, es ist eine Wohltat, ärgerliche oder belastende Erfahrungen mit Menschen zu teilen, denen man sie nicht erst erklären muss. Wir alle brauchen das und haben Glück, wenn wir solche Menschen kennen. Aber nachdem ich diese Überzeugung bei drei verschiedenen Gruppen angetroffen hatte, habe ich gedacht: Unterschätzen wir mal die anderen nicht so. Die Neugierigen, die Empathischen, die ehrlich Interessierten gibt es doch auch in jeder Community. Und an diesen Schnittstellen passiert es, dass wir etwas neues erfahren und auch den anderen von uns erzählen können.
Dafür möchte ich Geschichten sammeln, Figuren erfinden, um diese kleinen und großen Aha-Erlebnisse Gestalt annehmen zu lassen. -
Quelle: Bild aus Hinterland-Magazin #44 Winter 2019/2020Wer schreibt hier eigentlich? Teil 4
Neugier erwünscht
Natürlich möchte auch ich meine Sinneswelt mit euch teilen. Wir haben es bis hierher geschafft. Ihr kennt mich schon ein wenig. Dann sind wir auch bereit für bereichernde Gespräche über unsere unterschiedliche Wahrnehmung der Umgebung, über kleine Alltagstricks und auch über Schwierigkeiten und Barrieren in der Umwelt. Wie ich schon sagte: Meine Blindheit gehört zu mir und hat mich mit geprägt. Natürlich möchte ich also auch aus meiner Perspektive über eine Stadt reden, über das Kochen, über meinen Eindruck von Personen und wie er zustandekommt. Besonders gern spreche ich über das innige Verhältnis zu meinem Führhund, darüber, wie stark das Vertrauen ist, das wir zueinander aufbauen und wie genau wir einander kennen. Ein neunjähriges Mädchen war davon einmal so beeindruckt, dass sie spontan verkündete: „Mama, ich will auch so einen Blindenführhund!“. Die Info, dass ich den Hund als Hilfsmittel überallhin mitnehme, mag dabei eine Rolle gespielt haben.
Als ich im Studium mein Austauschjahr in Brasilien plante, waren die meisten ungeheuer beeindruckt bis sprachlos. Allein meine brasilianische Dozentin bemerkte ganz locker: „Du hast einen riesen Vorteil gegenüber anderen Austauschstudierenden – du kannst gar nicht anders, als mit den Menschen zu sprechen. Du brauchst Kontakt, um von A nach B zu kommen, du musst fragen, was es in den Geschäften gibt, du musst mit den Busfahrern reden etc. Du wirst warhscheinlich innerhalb kürzester Zeit fließend und ganz natürlich Portugiesisch sprechen.“ Sie sagte das nicht, um mir Mut zu machen. Sie wusste genau, was sie sagte. Und sie hat Recht behalten.
Wenn ihr an dieser Stelle gern noch weiterlesen würdet, ist mein kleines Experiment gelungen.
Bildquellen
- Mirien im Hinterland-Magazin: Bild aus Hinterland-Magazin #44 Winter 2019/2020
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Quelle: Bild aus Hinterland-Magazin #44 Winter 2019/2020Wer schreibt hier eigentlich? Teil 3
Probieren wir es doch mal mit Linsensuppe
Lasst uns also auf unser gedachtes lockeres Kennenlernen zurückkommen. Dafür müsst ihr nicht wissen, wie die Brailleschrift funktioniert oder wie es kommt, dass mein Hund mir eine Treppe zeigen kann, die ich dann auch noch völlig sorglos hinuntersause. Ihr müsst weder die neuesten pädagogischen Studien zur Inklusion an Schulen kennen, noch über die durchaus spannenden neurologischen Forschungen zum Arbeitsgedächtnis geburtsblinder Personen bescheid wissen. Noch wichtiger vielleicht: Ihr müsst auch nicht die aktuell als politisch korrekt angesehenen Bezeichnungen für alles rund um das Thema Behinderung parat haben. Will sagen, ihr müsst nur wissen, da steht gerade eine Frau vor euch. Okay, da kommt kein Blickkontakt zustande, das ist logisch. Aber probiert es doch mal ganz entspannt mit hallo sagen, das wäre wirklich schön. Ein Aufhänger für ein Gespräch findet sich bestimmt. Es kommt darauf an, wo wir uns treffen. Die Verspätung der Bahn, mein Hund und das Wetter gehen aber fast immer. Oder sagen wir zum Beispiel, wir lernen uns im Bordrestaurant auf der Fahrt nach Berlin kennen. Es gibt Linsensuppe. Man mag sie, oder man mag sie nicht. Man macht sie selbst oder isst sie aus der Dose. Da gibt es die Variante mit Kartoffeln und Würstchen, es gibt orientalische Linsensupppen aus roten oder gelben Linsen, Linsensuppe mit Kokosmilch und Backpflaumen – man kannte sie schon als Kind oder man mag sowieso lieber Erbsensuppe. Es gibt so viel Besseres dazu zu sagen als: Wer kocht denn zuhause für Sie?
Kann sein, wir tauschen am Ende Eintopfrezepte aus, kann sein, wir kommen von der Suppe über Kindheitserinnerungen auf Lieblingsbücher, oder wir landen über drei Ecken irgendwie bei den alten Römern und wundern uns, dass der Zug plötzlich schon in Spandau hält. Dann hatten wir zusammen eine kurzweilige Fahrt und es ist vollkommen in Ordnung, wenn irgendwo zwischen Linsen und Römern auch mal die Frage aufkam, wie ich mein Smartphone bediene.Anders bin ich schon, ihr aber auch
Für euch ist klar, ihr braucht das Augenlicht, um eure Haustür aufzuschließen. Ich habe es dafür noch nie gebraucht. An der Uni wurde jedes fremdsprachige Wort mit mehr als vier Buchstaben an die Tafel geschrieben. Sonst könne man es sich nicht merken. Das verblüffte mich. Ich sage zu einer Freundin am Telefon: Oh, die Amsel in deinem Garten singt wunderschön, Ihre Reaktion: Wie – das hörst du? Ich bin verwirrt – schließlich telefonieren wir gerade und sie sitzt im Garten.
Es ist wahrlich ein wertvoller Sinn, den ihr da habt, und ich freue mich, wenn ihr ihn ein bisschen mit mir teilt. Ihr könnt euch damit in einer neuen Umgebung schnell zurechtfinden, ihr könnt jemandem am anderen Ende eines riesigen Saals zulächheln, ihr könnt euch in den Sternenhimmel hineinträumen. Das sind Geschenke, genießt sie. Ich genieße sie gern mit euch. Lasst uns zusammen eine Wanderung machen. Ihr findet den Weg, und ich finde die Düfte und Tierstimmen. Zusammen beschnuppern wir die Welt, streichen mit den Händen über das Moos oder bestaunen Waldpilze mit allen Sinnen. Schönheit zu genießen ist nicht das alleinige Vorrecht des Auges. Und glaubt mir, ihr seht auch mehr, wenn ich dabei bin. Denn ich bin neugierig und möchte es genau wissen. Dadurch schaut ihr genauer hin und wir haben gemeinsam mehr von der Wanderung. Das habe ich schon oft so erlebt.
Bildquellen
- Mirien im Hinterland-Magazin: Bild aus Hinterland-Magazin #44 Winter 2019/2020

