Schlagwort: Linsensuppe

  • Wer schreibt hier eigentlich? Teil 3

    Wer schreibt hier eigentlich? Teil 3

    Probieren wir es doch mal mit Linsensuppe

    Lasst uns also auf unser gedachtes lockeres Kennenlernen zurückkommen. Dafür müsst ihr nicht wissen, wie die Brailleschrift funktioniert oder wie es kommt, dass mein Hund mir eine Treppe zeigen kann, die ich dann auch noch völlig sorglos hinuntersause. Ihr müsst weder die neuesten pädagogischen Studien zur Inklusion an Schulen kennen, noch über die durchaus spannenden neurologischen Forschungen zum Arbeitsgedächtnis geburtsblinder Personen bescheid wissen. Noch wichtiger vielleicht: Ihr müsst auch nicht die aktuell als politisch korrekt angesehenen Bezeichnungen für alles rund um das Thema Behinderung parat haben. Will sagen, ihr müsst nur wissen, da steht gerade eine Frau vor euch. Okay, da kommt kein Blickkontakt zustande, das ist logisch. Aber probiert es doch mal ganz entspannt mit hallo sagen, das wäre wirklich schön. Ein Aufhänger für ein Gespräch findet sich bestimmt. Es kommt darauf an, wo wir uns treffen. Die Verspätung der Bahn, mein Hund und das Wetter gehen aber fast immer. Oder sagen wir zum Beispiel, wir lernen uns im Bordrestaurant auf der Fahrt nach Berlin kennen. Es gibt Linsensuppe. Man mag sie, oder man mag sie nicht. Man macht sie selbst oder isst sie aus der Dose. Da gibt es die Variante mit Kartoffeln und Würstchen, es gibt orientalische Linsensupppen aus roten oder gelben Linsen, Linsensuppe mit Kokosmilch und Backpflaumen – man kannte sie schon als Kind oder man mag sowieso lieber Erbsensuppe. Es gibt so viel Besseres dazu zu sagen als: Wer kocht denn zuhause für Sie?
    Kann sein, wir tauschen am Ende Eintopfrezepte aus, kann sein, wir kommen von der Suppe über Kindheitserinnerungen auf Lieblingsbücher, oder wir landen über drei Ecken irgendwie bei den alten Römern und wundern uns, dass der Zug plötzlich schon in Spandau hält. Dann hatten wir zusammen eine kurzweilige Fahrt und es ist vollkommen in Ordnung, wenn irgendwo zwischen Linsen und Römern auch mal die Frage aufkam, wie ich mein Smartphone bediene.

    Anders bin ich schon, ihr aber auch

    Für euch ist klar, ihr braucht das Augenlicht, um eure Haustür aufzuschließen. Ich habe es dafür noch nie gebraucht. An der Uni wurde jedes fremdsprachige Wort mit mehr als vier Buchstaben an die Tafel geschrieben. Sonst könne man es sich nicht merken. Das verblüffte mich. Ich sage zu einer Freundin am Telefon: Oh, die Amsel in deinem Garten singt wunderschön, Ihre Reaktion: Wie – das hörst du? Ich bin verwirrt – schließlich telefonieren wir gerade und sie sitzt im Garten.

    Es ist wahrlich ein wertvoller Sinn, den ihr da habt, und ich freue mich, wenn ihr ihn ein bisschen mit mir teilt. Ihr könnt euch damit in einer neuen Umgebung schnell zurechtfinden, ihr könnt jemandem am anderen Ende eines riesigen Saals zulächheln, ihr könnt euch in den Sternenhimmel hineinträumen. Das sind Geschenke, genießt sie. Ich genieße sie gern mit euch. Lasst uns zusammen eine Wanderung machen. Ihr findet den Weg, und ich finde die Düfte und Tierstimmen. Zusammen beschnuppern wir die Welt, streichen mit den Händen über das Moos oder bestaunen Waldpilze mit allen Sinnen. Schönheit zu genießen ist nicht das alleinige Vorrecht des Auges. Und glaubt mir, ihr seht auch mehr, wenn ich dabei bin. Denn ich bin neugierig und möchte es genau wissen. Dadurch schaut ihr genauer hin und wir haben gemeinsam mehr von der Wanderung. Das habe ich schon oft so erlebt.