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  • Wer schreibt hier eigentlich? Teil 1

    Wer schreibt hier eigentlich? Teil 1

    Wer schreibt hier eigentlich?

    Dieser Artikel ist zwar schon vor fast sechs Jahren im Hinterland-Magazin erschienen, doch zeigt er heute noch genauso treffend, wie ich gestrickt bin und welche Art von Neugier bei mir höchst erwünscht ist.

    Los geht’s mit Teil 1.

    Die vielfältigen Klänge verschiedener Sprachen können mich verzaubern wie andere Menschen die Farbenpracht. Ich liebe Hunde, Vögel, Brasilien und die Musik von Queen. Im Alltag schätze ich Humor, den Wald, Abwechslung bei der Arbeit und auf dem Teller. Begegnungen mit unterschiedlichsten menschen gestalten mein Leben bunt.
    Ach ja, und ich bin seit meiner Geburt blind.

    Ein Kleines Experiment

    Bei vielen realen Begegnungen komme ich gar nicht erst dazu, etwas von mir zu erzählen. Da sehen die Menschen nur meine Blindheit und konzentrieren sich ganz auf sie. Deshalb lade ich euch jetzt zu einem Experiment ein.

    Stellt euch vor, ihr lest diesen Text. Ihr wisst, die Autorin ist blind, und ihre Blindheit ist auch das Thema.
    Und jetzt stellt euch aber im nächsten Schritt vor, ihr geht ganz locker flockig an das Thema ran, mit Tee und Keksen auf dem Sofa.
    wie ihr das schaffen könnt? Nun, erst einmal den richtigen Tee oder auch Kaffee zubereiten, und Kekse habt ihr vielleicht selbst gebacken. Ich jedenfalls schon.

    Das war der leichte Teil. Jetzt müsst ihr wahrscheinlich versuchen, die geläufigen Gespenster zu verscheuchen. Lasst also Gedanken von der Sorte „wie schrecklich“, „da könnte ich ja gar nichts mehr“, „die Arme“ und co. in irgendeiner Ecke liegen, falls sie euch wie von selbst in diese Lektüre begleiten wollen.

    Solange nämlich diese ungebetenen Gäste ständig mit von der Partie sind, könnt ihr mich nicht kennenlernen. Da habe ich kaum eine Chance. Die Gespenster mischen sich in jedes erdenkliche Thema ein. Erzähle ich von meiner Liebe zu Brasilien und meinen zahlreichen Reisen, wissen die Gespenster schon, dass das aber doch gar nicht geht, oder dass ich als Blinde doch gar nichts davon habe.

    Geht es um etwas so alltägliches wie Plätzchenbacken, stellen sie gleich mal klar, dass auch das blind nicht klappen kann. Und falls es irgendwie doch möglich ist, müsst ihr es mit einer Art Übermensch zu tun haben. Und den sollt ihr dann bitte bewundern, sagen die Gespenster.
    Nehmen wir also an, diese und ähnliche Gedanken habt ihr erfolgreich weggeschlossen. Vielleicht haben sie sogar einer gesunden Neugier Platz gemacht. Dann könnt ihr mich jetzt ein Stück durch die Welt begleiten und dabei ganz locker kennenlernen.

    Flüchtige Begegnungen

    Zwei Frauen im Flugzeug, ein Gespräch, das sich tagtäglich so oder ähnlich abspielt: Mein Mann holt mich vom Flughafen ab – werden sie auch erwartet? Ja, mein Mann wird auch da sein. Kurze Pause. Ich fühle schon die Faust, die sich in meinem Bauch zusammenballt, denn ich ahne, was gleich kommt. Und richtig: Kann Ihr Mann sehen?
    Bis eben saßen da noch einfach zwei Frauen, die von einer Reise zurückkehrten und freudig vom bevorstehenden Wiedersehen mit ihren Männern sprachen.

    Auf meine Frage, warum sie das wissen wolle, kommt die Antwort wie aus dem Skript, das ich nach ähnlichen Situationen auswendig kenne: Sie dachte, es wäre doch schön, denn dann hätte ich jemanden, der alles für mich macht.

    Ein anderes Mal sitze ich im vollen Zug und arbeite an einer Übersetzung. Mein Führhund hat es sich neben mir bequem gemacht. Neue Fahrgäste steigen zu, der Gang vor meinem Abteil füllt sich. Da plötzlich ein empörter Ausruf: Ja klar, Blindenhund und Laptop! Wen will die denn verarschen?
    Oder etwa die Episode, als mich am Bahnsteig aus dem Nichts ein Mann fragt: Waren sie schon von Anfang an so? An dem Tag war ich bester Laune und schaffte es ihm zu antworten: Nein, und glauben Sie mir, meine Mutter ist sehr froh darüber, dass ich erst im nachhinein so groß wurde.