Schlagwort: Blindenführhund

  • Wer schreibt hier eigentlich? Teil 4

    Wer schreibt hier eigentlich? Teil 4

    Neugier erwünscht

    Natürlich möchte auch ich meine Sinneswelt mit euch teilen. Wir haben es bis hierher geschafft. Ihr kennt mich schon ein wenig. Dann sind wir auch bereit für bereichernde Gespräche über unsere unterschiedliche Wahrnehmung der Umgebung, über kleine Alltagstricks und auch über Schwierigkeiten und Barrieren in der Umwelt. Wie ich schon sagte: Meine Blindheit gehört zu mir und hat mich mit geprägt. Natürlich möchte ich also auch aus meiner Perspektive über eine Stadt reden, über das Kochen, über meinen Eindruck von Personen und wie er zustandekommt. Besonders gern spreche ich über das innige Verhältnis zu meinem Führhund, darüber, wie stark das Vertrauen ist, das wir zueinander aufbauen und wie genau wir einander kennen. Ein neunjähriges Mädchen war davon einmal so beeindruckt, dass sie spontan verkündete: „Mama, ich will auch so einen Blindenführhund!“. Die Info, dass ich den Hund als Hilfsmittel überallhin mitnehme, mag dabei eine Rolle gespielt haben.

    Als ich im Studium mein Austauschjahr in Brasilien plante, waren die meisten ungeheuer beeindruckt bis sprachlos. Allein meine brasilianische Dozentin bemerkte ganz locker: „Du hast einen riesen Vorteil gegenüber anderen Austauschstudierenden – du kannst gar nicht anders, als mit den Menschen zu sprechen. Du brauchst Kontakt, um von A nach B zu kommen, du musst fragen, was es in den Geschäften gibt, du musst mit den Busfahrern reden etc. Du wirst warhscheinlich innerhalb kürzester Zeit fließend und ganz natürlich Portugiesisch sprechen.“ Sie sagte das nicht, um mir Mut zu machen. Sie wusste genau, was sie sagte. Und sie hat Recht behalten.

    Wenn ihr an dieser Stelle gern noch weiterlesen würdet, ist mein kleines Experiment gelungen.

  • Sechs Punkte, Sechs Pfoten, ein Buch

    Sechs Punkte, Sechs Pfoten, ein Buch

    200 Jahre Brailleschrift! Sechs Punkte, tastbar und in verschiedenen Kombinationen zu Buchstaben geformt, ermöglichen blinden Menschen in weiten Teilen der Welt eigenständiges Lesen und Schreiben, sind Schlüssel zu Bildung und Unabhängigkeit. Sechs Pfoten als Gespann aus blinder Frau und ihrem ausgebildeten Führhund durchstreifen die Welt, stolpern und stehen wieder auf, erobern sich Räume.

    Im Jubiläumsjahr der Brailleschrift entsteht mein Buch „Schnupperturms Streifzüge“, in dem mein erster Führhund, Jack – Rufname Schnupperturm – lebhaft und humorvoll über die aufregenden gemeinsamen Jahre mit seiner Chefin erzählt. Diese liest auch gern daraus vor. Führhund Nummer drei, Unar, genannt Unimok, begleitet die Chefin zu den Lesungen und hat sich auf einer marburger Bühne bereits als Jacks würdiger Stellvertreter bewährt.

    Die sorgfältig ausgewählten Kapitel reisen als Textdateien in einem Braille-Notizgerät mit. Diese kleine Wundermaschine mit rätselhaft wenig Tasten, dafür umso mehr Punkten, die in schnellem Wechsel auf einer Keramikzeile erscheinen und wieder verschwinden, zieht mühelos sämtliche Blicke auf sich. Selbst ein Labrador muss vorübergehend mit ihr um die Aufmerksamkeit konkurrieren.

    An einem brasilianischen Strand fragte mich einmal ein junger Mann interessiert, ob dieses Gerät ein Musikinstrument wäre. Tatsächlich ist es beinahe wie ein Computer ohne Bildschirm, dafür mit Braillezeile, und mit wenig Tasten, weil man für die Brailleschrift nur sechs davon braucht. Die kann man gleichzeitig drücken und dadurch kombinieren, wie man auf Klaviertasten Akkorde spielt. Das mag den jungen Mann am Strand auf seine Frage gebracht haben.

    Am 1. November, in NRW also an Allerheiligen, führt uns unser Weg nach Solingen, wo im Stadtteil Widdert Pfarrerin Kristina Ziegenbalg ihre Kirche im Rahmen der Themenwochen Mensch und Tier für zwei- und vierbeinige Wesen öffnet. Sie hat uns eingeladen, um über eine besonders enge Verbindung zwischen Tier und Mensch zu sprechen, denn als eingespieltes Sechs-Pfoten-Team sind wir rund um die Uhr zusammen und erleben und meistern alle erdenklichen Situationen zu zweit.

    Diese Veranstaltung wird überhaupt erst möglich durch eine Pfarrerin, die ähnlich einem eingespielten Führgespann mutig neue Wege geht, durch wunderbar kluge Engel auf vier Pfoten, und nicht zuletzt durch die Brailleschrift, für deren Einführung Erfinder Louis Braille seinerzeit standhaft kämpfen musste, und für deren Erhalt sich heute die Selbsthilfe wahrhaftig erneut ins Zeug legen muss.

  • Offene Bühne – Ein Appetitanreger mit durchschlagender Wirkung

    Locker, flockig und leichtpfötig wie der Schnupperturm seine Streifzüge mit der Chefin aufschreibt, habe ich am letzten Samstag im marburger Kultur und Freizeitzentrum im Rahmen der #inklusiven Veranstaltung „Tag für alle“ auf der #offenen Bühne gestanden. An meiner Seite, ruhig und abgeklärt, Unimok, der dritte #Blindenführhund, mit dem ich das Glück habe, als #Sechs-Pfoten-Team durch die Welt zu wandeln.

    Elf bunt gemischte Menschen begleiteten mich durch diesen ersten Sprung in die wirkliche Welt, in die das Buch und ich nach diesem Erlebnis immer dringender hinaus wollen.

    Wie immer, wenn etwas locker und leichtpfötig daherkommt, ist der Vorführung eine Menge Arbeit vorausgegangen. Die sorgfältige Auswahl der Lesestellen, kleine bis mittelgroße Textüberarbeitungen, die bestmögliche Formatierung des Textes. Dann waren da etliche Lesungen vor einem fiktiven Publikum, oder vor den geneigten Ohren meines Partners.

    Einer Chorprobe nicht unähnlich habe ich ausprobiert, wo ich atmen kann und welche Sätze ich unbedingt in einem Stück lesen möchte. Wo gilt es, eine Pause wirken zu lassen, wie ist es mit unterschiedlicher Lautstärke und Betonung.

    In meiner Rolle als #Dolmetscherin habe ich lernen müssen, vor Publikum zu sprechen. Damals erschien es mir zunächst als kaum überwindbares Hindernis. Jedoch war meine #Motivation, Dolmetscherin zu werden, so übermächtig, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als das Reden vor Publikum zu trainieren. Mit Unterstützung von #NLP-Techniken stellte ich mir vor, ich wäre jemand anders, malte mir eine routinierte, selbstsichere Frau aus, die jeden Saal mühelos in ihren Bann zieht, gab ihr einen Namen. Musste ich dann in die Höhle des Löwen – also ans Pult – konnte ich mich schließlich wie diese Frau fühlen. Seit dem halte ich es nicht nur aus, sondern fühle mich wohl, wenn ich vor Leuten stehen darf.

    Die spannende Frage war, wie es wäre, wenn ich plötzlich mit meinen eigenen Worten und Meinungen öffentlich auftreten würde. Die NLP-Frau von damals hat ihren Dienst getan, ich brauchte sie nicht mehr, konnte selbst da oben stehen und mit Spotlight und Adrenalin wiederholen, was ich trainiert hatte.

    „Hey, Chefin, wer ist noch mal der Autor von „Schnupperturms Streifzüge“?“
    Okay, ertappt. Im Grunde habe ich also doch wieder vorgetragen, was ein anderes Wesen der Welt mitzuteilen hat.

  • Gestatten, Schnupperturm!

    Gestatten, Schnupperturm!

    Da sitze ich auf meiner kopfkissenweichen Wolke und schreibe ein Buch – ja, von hier oben aus geht das als ehemaliger Blindenführhund ganz hervorragend – Schnupperturms Streifzüge wird es heißen. Der Schnupperturm, das bin ich. Mit bürgerlichem Namen heiße ich Jack. Und kaum schreibe ich ein Buch, soll ich auch gleich noch mehr schreiben.

    Die Chefin lässt sich nämlich einfallen, auf Social Media mitzumischen.
    Mit neugierigen Menschen möchte sie arbeiten, und das hat mit Fremdsprachen zu tun und mit Dingen, die Intersektionalität, Ableismus und Diversität heißen.

    Echter Diversität, betont die Chefin, also gibt es wohl auch unechte, die nur so heißt, am Ende aber doch nicht so vielfältig ist.
    Ohnehin verstehe ich nichts von diesen Begriffen. Die Chefin sagt, als Frau mit Behinderung müsse sie sich jetzt dazu äußern, denn gerade dann würden mehr Menschen erkennen, dass sie sich nicht nur mit dem Thema Behinderung beschäftigt. Das verstehe wer will.
    Als Team auf sechs Pfoten haben wir so gegensätzliche Welten durchstreift wie das Sauerland und Brasilien, haben Städte, Seen, Meere, Dörfer und Wälder erforscht.

    Meinen Schlaf genossen habe ich bei mehrsprachigen Konferenzen über Stadtplanung, Fußball oder Sonnenenergie. Das reichte aber wohl nicht um zu merken, im Leben der Chefin geht es um etliche Themen an zahlreichen Orten. Also spricht sie jetzt über Blindheit, Wahrnehmung und vieles mehr. Und das mache ich übrigens in meinen Buch auch bald – auf meine Weise.